Bleierne Zeit

Sie ist vorbei, die bleierne Zeit. Seit letztem Freitag. Nach drei Monaten. Angekündigt wie der Lockdown und seine Verlängerung ein paar Tage davor. Ohne jegliche Anzeichen, ohne Diskussion, ohne Beteiligung der Öffentlichkeit, ohne Erklärung der Wissenschaftler, die doch zu Zeiten der Corona-Pandemie einiges zu sagen haben.

Wie aufgewacht aus einem bösen Traum fühlte es sich an, am Wochenende zum ersten Mal sich wieder frei in der Stadt bewegen zu können, mit Max und Moritz unter tropischer Sonne im Pool zu schwimmen, Kinderlachen, endlich nicht mehr eingesperrt Zuhause. Eine kurze Stippvisite in die Stadt zeigte volle Shopping Malls, als sei nichts gewesen, die letzten 3 Monate lang. Nur dass nun wirklich alle per Dekret mit Maske herumlaufen. Und dass man nirgends hineinkommt, nicht einmal eine grosse Mall betreten kann, ohne am Eingang per QR-Code einen grünen, digitalen Eintrittspass zu erwerben. Und das bei jedem Geschäft oder Restaurant innerhalb derselben Mall nochmals. Und ebenso überall bitte wieder auschecken per Mobiltelefon. Das Bewegungsprofil ist perfekt. Auch wer die sichere Bluetooth-App herunterlädt ist nicht von diesem dauernden digitalen Tracing befreit.

Doch, sie steckt noch in den Knochen, die bleierne Zeit. Als in der letzen Maiwoche klar wurde, dass sich ab dem 2. Juni, dem Ende des verlängerten Lockdown, hier circuit breaker genannt, de facto nichts ändern würde. Und das noch weitere 4 Wochen lang. Dies war Phase 1 nach dem circuit breaker. Erlaubt war nun wieder als Familie auf die Strasse zu gehen, nicht mehr nur allein. Aber weiterhin nur zu essentiellen Besorgungen oder Sport. Die Kinder hatten unter strengen Sicherheitsauflagen und selbstredend mit ständiger Maskenpflicht eine Handvoll Schultage. Der Brecht durfte wieder ins Büro, aber nur weil er einen kleinen Glaskasten sein Einzelbüro nennen darf. Statt end of circuit breaker hiess es nur noch easing of circuit breaker.

Dass ich die Kinder nicht am Nachmittag noch voll beschäftigt und möglichst ruhig halten musste Zuhause, da dann Europa erwacht und für den Brecht im Homeoffice jeden Tag wichtige Calls anstanden, war schon eine grosse Erleichterung. Das weitere Eingesperrtsein drückte jedoch unsäglich auf die Stimmung. Und zwar nicht nur auf unsere. Von allen Bekannten in Singapur, mit denen ich sprach, hörte ich das Gleiche. Wir sind am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nicht immer scherzhaft gemeint. Wir befanden uns zwischen Verzweiflung, Resignation und Wut. Wut darüber, dass nichts erklärt wurde, Wut darüber, dass die Fälle in der sogenannten Community (siehe dazu den vorherigen Blogeintrag) täglich deutlich unter 10 lagen, aber über 5 Millionen Menschen immer noch in ihren Wohnungen eingesperrt blieben. Wieder einmal, und vielleicht noch nie so direkt, wurde mir bewusst, wie wertvoll es ist, in der Geburtslotterie gewonnen und in einer funktionierenden Wahldemokratie gross geworden zu sein.

Auch schieben sich einige befremdliche Bilder aus dem Lockdown immer wieder ins Gedächtnis. Unser Besuch im Botanischen Garten, mein Sohn Moritz und ich. Eigentlich waren wir mit dem Fahrrad gerade auf dem Weg zu einem Briefkasten, um einen Brief an seinen Freund aufzugeben. Dies war so halb erlaubt – ist das nun essential oder nicht? – aber man musste der Wohnung ja ab und an entkommen, vor allem auch die Kinder. Als just dieser Freund meines Sohnes, mit Hilfe seiner Mutter natürlich, über Videocall auf meinem Mobiltelefon anrief. Die Zeitverschiebung zu Europa lässt immer nur ein bestimmtes Fenster für Gespräche offen, gerade noch unter Kindern, die abends früher ins Bett gehen. Also sagte ich zu Moritz, komm, wir halten kurz und gehen ein paar Schritte in den Botanischen Garten, dort kannst Du in Ruhe mit deinem Freund aus der alten Heimat sprechen. Wir suchten uns eine Stelle etwas abgelegen vom Weg, ein kleines Bächlein plätscherte dort in einer schattigen Sackgasse. Die beiden Parkbänke liessen wir links liegen, stattdessen suchten wir uns auf der anderen Seite des Weges, dort wo gar kein Weg mehr war, zwei grosse flache Steine zum Draufsetzen direkt am Wasser. Wir waren von schattigen Bäumen und Palmen mit grossen Blättern halb verdeckt. Dort riefen wir Moritz‘ Freund zurück. Dieser verstand aber Moritz hinter der Maske schlecht, so dass ich ihn dazu ermunterte, die Maske etwas vom Gesicht zu ziehen, sie hing ihm noch um den Hals. Wie gesagt, wir waren draussen, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Bis ein weiblicher officer kam. Direkt zu uns, forschen Schrittes. Sie müsse mich darauf aufmerksam machen, dass wir hier nicht sitzen könnten. Sitzen sei generell nicht erlaubt, nur in Bewegung sein, walken, laufen, sportliche Betätigung. Und die Maske müsse mein Sohn unverzüglich richtig aufsetzen. Als sie meinen verständnislosen Blick sah, erwiderte sie nur knapp und bestimmt, sie müsse mich sonst melden. Ist ja schon gut, wir gehen ja weiter. Der Freund immer noch am Videocall. Gut, also ein anderes Plätzchen gesucht. Auf einer flachen Treppe, eine kleine Seitengasse, ebenso gut bewachsen und versteckt. Gut, Moritz, komm, hier bleiben wir jetzt einfach stehen, wir setzen uns nicht, aber hier kannst Du nun mit deinem Freund weiter telefonieren. Oh, er versteht dich wieder nicht. Ach komm, hier ist jetzt wirklich keiner, zieh die Maske etwas runter. Doch wirklich, wird schon nichts passieren. Von wegen. Es dauerte keine Minute, bis ein anderer officer kam. Wir könnten hier nicht einfach stehen bleiben. Und die Maske meines kleinen Sohnes gehöre ordentlich aufgesetzt. Sonst müsse sie uns melden. Ja ja, wissen wir schon…

Auch als wir am Anfang des Lockdown einen Fahrradausflug zu viert als Familie unternahmen, da dies noch erlaubt war, hatten wir eine ähnliche Diskussion mit den Aufpassern. An einem hawker center waren noch ein paar Stände offen, ausschliesslich für take away. Wir holten uns ein paar kalte Getränke in der Hitze und nach der Anstrengung. Was uns in die absurde Situation brachte, dass wir diese Getränke zwar mitnehmen, aber nicht sitzend oder stehend trinken durften. Denn nur In-Bewegung-Sein war draussen erlaubt. Wie uns zwei officer, ein Mann und eine Frau, unmissverständlich auseinandersetzten, als wir uns auf ein paar Findlingen am Meer niederliessen. Denn die Parkbänke und auch der Strand waren ja mit rot-weissen Bändern abgesperrt. Nein, wir können hier nicht sitzen. Also gut, stehen wir halt. Nein, Stehen ist auch nicht erlaubt. Was ist denn erlaubt? Sich fortzubewegen. Hören Sie mal, wir sind mit den Rädern da, die lehnen dort am Baum. Unsere kleinen Söhne schaffen es aber koordinativ noch nicht, mit der einen Hand das Fahrrad zu schieben, in der anderen Hand das Getränk zu halten und daraus auch noch im Gehen zu trinken. Was also sollen wir tun? – In Ordnung, bleiben Sie hier stehen, ausnahmsweise, aber danach gehen Sie unverzüglich weiter. Immerhin, etwas Menschlichkeit.

Dann andere Szenen, beobachtet aus dem Fenster, allenfalls mal im Vorbeigehen auf der Strasse, wenn ich zum Einkaufen von Lebensmitteln ging, eine von zwei willkommenen Abwechslungen des monotonen Corona-Alltags. Die zweite war der eben schon erwähnte, fast tägliche Besuch im Botanischen Garten – ein Glück, dass dieser in unserer Nachbarschaft liegt.

Was sah ich, wenn ich aus dem Fenster sah? Nachbarn mit Mobiltelefonen bewaffnet. Die Kameras hielten fest, wer sich nicht an die Regeln hielt. Mundschutz verrutscht? Abgenommen, obwohl kein schweisstreibender Sport gemacht wird? Ein paar Kinder, zu nah aneinander, egal wie klein, auf der sonst ausgestorbenen Privatstrasse unseres Condos? – Wird alles fotografiert, dokumentiert, denunziert. Mittels eigens dafür geschaffener staatlicher App. Soll sich keiner sicher fühlen, der sich nicht an die Regeln hält. Jeden Tag Berichte in den staatsnahen Zeitungen über solche Vergehen und die hohen Geldstrafen, die sie nach sich ziehen. Besuch Zuhause? Verboten, verständlich. Officer kommen und kontrollieren. Sind hausfremde Personen anwesend, so beträgt die Strafe beim 1. Mal 10.000 Singapur Dollar. Beim 2. Mal Entzug der Arbeitserlaubnis und Ausweisung aus dem Land mit der ganzen Familie. Kein Spass, kein Pardon.

Viele Expats beziehungsweise deren Familienangehörige sitzen im Ausland fest. Waren auf Heimaturlaub, als sich die Lage hier in Singapur verschärfte. Oder haben es noch gewagt, trotz eindrücklicher Warnung staatlicherseits auszureisen. Hatten vielleicht wichtige Gründe, ältere Angehörige, kranke Menschen, die man nochmals sehen möchte vielleicht. Manche warten seit März auf ihre Rückkehr. Es werden so gut wie keine Einreiseerlaubnisse erteilt. Auch wenn der Rest der Familie hier in Singapur ist. Und man sich selbstredend in Quarantäne begeben müsste, und zwar nicht Zuhause, sondern in einem vom Staat vorgesehenen Hotel. Die Kosten selbstverständlich trägt man selbst. Auch die Kosten einer Behandlung, die nötig würde, falls man innerhalb der ersten 14 Tage nach Einreise an dem Coronavirus erkrankt. Trotzdem werden in den allerwenigsten Fällen Rückreisegenehmigungen erteilt. Doch wehe, man versucht es ohne diese Genehmigung. Und sei es nur aus Unwissenheit. Wir kennen einen Fall, der so ausgegangen ist: Verlust der Arbeitserlaubnis des Ehepartners, Ausweisung der ganzen Familie; noch dazu darf der Arbeitgeber diese Stelle nicht neu mit einem Ausländer besetzen. Kein Spass, kein Pardon.

Was sah ich noch, wenn ich aus dem Fenster blickte? Fast täglich die Haushaltshilfen, hier helper genannt, wie sie die während des Lockdowns meist nicht bewegten Autos ihrer Arbeitgeber wuschen. Das Wasser bitte hinterm Haus vom öffentlichen Wasserhahn herschleppen. Das Auto bitte mit mehreren Eimern Seifenwasser abspülen. Zuhause, in Europa zumindest, ist das schon längst nicht mehr erlaubt. Motorenöl und andere giftige Stoffe können ja ins Grundwasser gelangen. Hier natürlich nicht. Oder hier ist es ja erlaubt, also egal. Ob das die gleichen Leute sind, die Zuhause eine entsprechende App nutzen würden, mit der sie die Nachbarn hinhängen könnten, wenn es diese denn Zuhause gäbe? Ich mag nicht weiter darüber nachdenken…

Ja, und dann war er plötzlich vorbei, der Lockdown. Nach knapp drei weiteren Wochen statt vier. Es hat wohl doch etwas rumort unter der Oberfläche. Zum Beispiel hatten wir einen Kommentar in der staatsnahen Straits Times gelesen, der wenn nicht die Massnahmen selbst, so doch die Art der Kommunikation leise kritisierte. Ebenso schnell und unerwartet wie der Lockdown und seine Verlängerung kam dann das Ende desselben.

Und ich? Was ist mit mir passiert während dieses strengen Lockdown, wie blicke ich nun in die Welt und auf Singapur, unsere temporäre Wahlheimat? – Ich merke, dass die dreimonatige absolute Isolation, die Anstrengung des immer gleichen Alltags mit zwei kleinen Kindern im homeschooling, das Sich-am-Ende-des-Tages Leer-Fühlen und die Ungewissheit, wann das mal vorbei sein wird, etwas gemacht haben mit mir. Sie haben mich zynisch werden lassen, oder doch zumindest pessimistisch. Die Vorurteile, die ich ausschliessen wollte, haben Einzug gehalten in mein Denken. Die Asiaten, die Obrigkeitshörigen, die Gemeinschaftsgläubigen, die Expats, die es sich hier nur gut gehen lassen wollen… lauter Klischees. Ich habe diesen Blog angefangen, um mit offenem Blick und vorurteilsfrei zu berichten, was wir hier erleben, wie die Welt aus dieser Perspektive aussieht. Ich möchte ihn zurück, den offenen Blick. Offen, aber nicht kritiklos, wie ich im ersten Beitrag schon schrieb.

Es gibt noch so vieles zu entdecken hier, hinter so manches Geheimnis möchte ich noch blicken. Die verschiedenen Kulturen, seien es die malaiische, die indische, die chinesische, die arabische. Die verschiedenen Menschen mit ihrem eigenen Stolz auf ihre Herkunft, auf ihre Traditionen. Der Singsang des Singlish – ein Kunstwort aus Singapurisch und Englisch – das ich anfangs kaum verstand, und das an jeden Satz ein –lah anhängt. Do you get-lah? I’ll come-lah. That’s cool-lah. Eine verbreitete Bezahl-App heisst konsequenterweise Pay-Lah. Grammatik und Satzbau stimmen nicht unbedingt mit Oxford Englisch überein, Kolonialzeit hin oder her. Diese Aneignung der Sprache in einem hohen melodischen Klang, die man hier überall hört. Und so vieles mehr, das es für mich noch zu ergründen gilt. Mit Klischees kommt man da nicht weit.

Um den Zauber des Anfangs heraufzubeschwören, um mir selbst den Blick wieder zu öffnen, möchte ich Euch das nächste Mal erzählen, wie wir hier ankamen. Mit welcher Vorfreude und Euphorie, mit welchem Staunen über das Fremde. Und wie wir hier mit offenen Armen empfangen wurden. Es gibt viel zu berichten.

Bis dahin, bleibt mutig und optimistisch, ich versuche es auch wieder zu sein.

Eure Nora

Bilder aus dem Lockdown:

Unser Zufluchtsort in den letzten 3 Monaten: Der Botanische Garten, Unesco Weltkulturerbe.
Fahrradausflug Anfang April. Die Containerschiffe in Warteschleife.
Berühmtes Panorama mit den Gardens by the Bay (im Hintergrund die Gewächshäuser Cloud Forest und Flower Dome, ganz hinten die Supertrees) und dem Marina Bay Sands Hotel am rechten Bildrand. Menschenleer, wie sonst nie.
Strand am East Coast Park. Schwimmen ist auch zu Nicht-Corona Zeiten nicht toll, das Wasser durch die Containerschiffe verschmutzt.
Geschlossener Pool eines Condos
Typisches hawker center (traditionelle Imbissbuden mit asiatischem Essen) während des Lockdown
Die bekannte und sonst quirlige Einkaufsstrasse Orchard Road
Geschlossenes Restaurant an der Orchard Road

Extended Lockdown

Die letzen beiden Wochen waren sehr streng, alles ist verstummt, keine Kinder mehr auf der Privatstrasse unserer Wohnanlage, wo sie normalerweise Badminton oder Fussball spielen, Fahrrad, Skateboard oder Roller fahren. Man darf nur noch mit Mundschutz und alleine rausgehen und die Wohnanlage nur queren, um auf die öffentliche Strasse zu gelangen, dies auch nur für essentielle Erledigungen, wie z.B. Einkaufen. Überall passen von der Regierung eingesetzte „officer“ auf die Einhaltung der Regeln auf, an manchen Stellen sogar Roboter (die ich aber nur in der Zeitung gesehen habe, denn man darf sich ja nur noch in seiner unmittelbaren Nachbarschaft aufhalten). Zum Glück liegt der Botanische Garten in unserer Nachbarschaft und auch wenn dort alle Wiesen und Sitzgelegenheiten gesperrt sind, hat er mich doch manches Mal gerettet, wenn ich es Zuhause gar nicht mehr aushielt. Max und Moritz hingegen können nicht alleine in den Botanischen Garten gehen, dafür sind sie noch zu jung. Da sehr streng darauf geachtet wird, dass man sich nur alleine draussen bewegt, bleibt ihnen nur unsere Terrasse. Immerhin haben wir eine Terrasse, viele Menschen in Singapur leben in Hochhäusern ohne Balkon und wenn dann die Gemeinschaftsanlagen gesperrt sind, bleibt den Kindern nur noch die Wohnung. 

Doch auch eine Wohnung, eine richtige Wohnung mit einem, zwei oder mehr Zimmern ist noch ein Luxus verglichen zu den Unterkünften der sogenannten „migrant workers“. Sie leben zu zwölft oder gar zu zwanzigst auf engem Raum in Massenunterkünften, nur ein Stockbett ist ihr privater Raum, keine Schränke, das Hab- und Gut in Tüten und Taschen an die einfachen Metallrahmen der Betten gehängt, so sieht man es auf den seltenen Fotos, die es von diesen „dormitories“ gibt. 

Dies ist die Schattenseite Singapurs, der Bumerang, der nun auf alle zurückfällt. Knapp 1 Million Gastarbeiter leben im Stadtstaat. Ungefähr 300.000 von ihnen sind laut Regierung in solchen Massenunterkünften untergebracht. Diese Menschen aus den umliegenden Staaten Malaysia, Indonesien, Bangladesch und anderen halten Singapur am Laufen. Ohne sie ginge gar nichts. Sie arbeiten auf den unzähligen Baustellen, sie sorgen für Sauberkeit in der Grossstadt, sie halten den Dschungel im Zaum, denn hier in den Tropen würde in kürzester Zeit alles zuwuchern. Man muss sich vorstellen, ungefähr ein Fünftel der Einwohner Singapurs lebt und arbeitet in prekären Verhältnissen, schlecht bezahlt, am Rande der Gesellschaft. 

Es heisst, man sieht diese Menschen nicht. Das stimmt nicht ganz, denn wer Augen hat sieht sie im Stadtbild. Sie werden in Pickups durch die Stadt zu ihren Arbeitsorten gefahren, hinten sitzen sie auf den offenen Ladeflächen, meist mit einer Plane über dem Kopf, auf einfachen Holzpritschen dicht gedrängt. Max und Moritz sprachen mich gleich zu Anfang darauf an, wie es denn sein könne, dass sie nicht angeschnallt sind, das sei doch gefährlich. Schwierig, seinen Kindern zu erklären, dass dies wohl das geringste Problem dieser Menschen sei. Man sieht sie im Schatten einer Brücke neben den gigantischen Baustellen ihren Mittagsschlaf halten, einfach auf dem Boden. Als wir zwei Monate lang in unserem Übergangsappartement wohnten, ging ich fast täglich an solch einer Baustelle vorbei. Als erstes fiel mir der kleine Buddha-Altar direkt am Wegesrand unter freiem Himmel auf, immer mit frischen Blumen und frischem Obst versorgt. Die Arbeiter auf den Baustellen stellen viele solcher kleinen Freiluftaltare ihres jeweiligen Glaubens auf, um sich so Schutz gegen Unfälle zu erbitten. 

Dann erst sah ich einmal zur Mittagszeit auf der anderen Seite des kleinen Schleichweges, den ich als Abkürzung zur Shopping Mall benutzte, die Arbeiter der Baustelle unter der Brücke im Schatten liegen. Schon da habe ich mich gefragt, ob sie nicht einen Baucontainer haben, wenigstens einen einfachen Rückzugsort. Und die Landschaftsarbeiter sieht man ganz vermummt gegen die Sonne, wie sie auf den Grünstreifen der Highways in unendlicher Handarbeit den Dschungel zurückschneiden. Man sieht sie, diese Menschen, die uns allen helfen diese Stadt in der Hitze des Äquators bewohnbar zu machen, auf das „wir“ uns in den klimatisierten Büros, Shopping Malls, Restaurants und Wohnungen vergnügen können. Und doch sieht man diese Menschen kaum in ihrer Freizeit. Man sieht sie kaum in Parks oder an einem Imbiss, nicht in einem einfachen Restaurant oder gar im Kino. Insofern sind sie unsichtbar, sie nehmen nicht am gesellschaftlichen Leben Singapurs teil. Wahrscheinlich fahren die meisten von ihnen in normalen Zeiten übers Wochenende nach Hause. Ich habe jeden Freitag grosse Reisebusse vor der Baustelle gesehen, mit der Aufschrift „Singapur – Malaysia, 3 x a week“. 

Der Premierminister und alle politisch Verantwortlichen beeilen sich zu versichern, auch an die Adresse der Familien Zuhause, dass man sich um die Arbeiter kümmert, dass man sie medizinisch versorgt und nicht im Stich lässt. Auch hat man zwei Kreuzfahrtschiffe für bereits genesene Arbeiter angemietet. Für Singapur wäre es eine Katastrophe, wenn diese Menschen nicht mehr kommen und Billigarbeit verrichten würden. Alle wissen, dass man auf sie angewiesen ist, kaum jemand redet darüber. Und schon gar nicht über die Arbeits- und Unterkunftsbedingungen. Ich habe fast täglich, wenn ich in der Stadt unterwegs war, Arbeiter in Singapur gesehen, ich habe mich manches Mal gefragt, unter welchen Umständen sie arbeiten müssen. Über ihre Unterkünfte habe ich mir jedoch keine Gedanken gemacht und schlichtweg nichts darüber gewusst. Auch eine Form der Ignoranz, ist die Frage doch naheliegend. Erst die Coronakrise brachte dies für mich ans Licht.

Dieser blinde Fleck des hochglitzernden Singapurs hat die Megametropole nun eingeholt, hat sie in den Lockdown gezwungen. Das zunächst vorbildliche Singapur, das den Virus in der Anfangszeit mit nur gut 100 Erkrankten insgesamt im Griff zu haben schien, ist nun mit über 20.000 bestätigten Virusträgern zum am stärksten betroffenen Land in Südostasien geworden.

Dies betrifft nun alle, nicht nur die Menschen in den Massenunterkünften. Sondern natürlich jeden und jede, die hier leben und einen 8-wöchigen, strengen Lockdown mitmachen müssen. So wie dies in vielen Ländern auf der Welt geschehen ist. Auch hier leiden die Menschen nicht nur an den unmittelbaren Folgen des Lockdowns, ebenso sind die Sorgen um die wirtschaftliche Existenz gross. Geht man auf einem der zahlreichen Lebensmittelmärkte Singapurs einkaufen – „wet market“ werden sie hier genannt – so sieht man vorwiegend ältere Leute hinter den Verkaufsständen, ebenso in den berühmten „hawker centern“, den Imbissständen mit typisch asiatischer Kost. Manchmal nehmen diese einen Teil eines Frischmarktes ein, manchmal stehen sie für sich allein. Es ist ein kleines Abenteuer, einen solchen Markt zu besuchen, zumindest sind für eine Europäerin wie mich viele Gerüche, Früchte, Gemüse und Gerichte fremd und spannend. Gerne schreibe ich ein andern Mal mehr darüber. Im Moment jedoch bangen all diese Leute, die im Alter noch für ihr Auskommen sorgen müssen, um ihre Existenz. Immer wieder muss ich an einen älteren Taxifahrer denken, der mich einmal mit einem schicken Mercedes abholte. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte mir, dies sei nun sein dritter Mercedes. Dazu muss man wissen, dass Autos in Singapur per Gesetz nach zehn Jahren verschrottet oder allenfalls noch ins Ausland verkauft werden. Dreissig Jahre also war der Mann im Geschäft. Doch nun, sagte er, reichten seine Reserven gerade noch drei Wochen, danach wisse er nicht mehr weiter. Wenn es dann nicht wieder aufwärts gehe, müsse er den Wagen verkaufen. Diese Krise treffe ihn und seine Kollegen viel härter als SARS vor 18 Jahren. Das Gespräch führten wir Ende Februar.

Mut und Optimismus, sowie eine rettende Hand wünsche ich allen, die in dieser Krise bangen müssen.

Eure Nora

Leider habe ich den kleinen Freiluftaltar am Wegesrand bei der Baustelle nicht fotografiert. Hier ein „ausgewachsenes“ Exemplar, aufgenommen auf einem der Lebensmittelmärkte in Singapur.
So viele freie Taxen sieht man zu normalen Zeiten nie in Singapur. Gerade bei Regen konnte es schon mal eine halbe Stunde oder gar länger dauern, bis endlich eins kam. Aufgenommen im Stadtteil Holland Village, Ende März 2020.

Zur Lage in Singapur, aus der NZZ:

https://www.nzz.ch/international/coronavirus-zwei-welten-in-singapur-ld.1554171

https://www.nzz.ch/international/coronavirus-singapurs-gastarbeiter-werden-zum-gesundheitsrisiko-ld.1551532ko-ld.1551532

Und vom ZDF:

https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/singapur-coronakrise-lockdown-100.html

Mikrokosmos

Während ich dies hier schreibe sitze ich auf unserer Terrasse und höre diesen typischen langgezogenen, schrillen, ansteigenden und wieder absteigenden Ton, der sich manchmal auch zu einem einzigen lauten hohen Ton verdichtet, so dass er keinen Anfang und kein Ende mehr zu haben scheint. Manchmal blendet man diesen Ton aus, um dann erstaunt wahrzunehmen, dass er immer noch da ist. Dies ist der typische Ton des Dschungels, fast immer gegenwärtig. Zum ersten Mal aufgefallen ist er uns auf der indonesischen Insel Bintan, wo wir nach unserer Ankunft in Singapur eine wunderschöne Ferienwoche verbracht haben. Zunächst dachten wir an Stromspannung, zu artifiziell schien dieser gleichbleibend hohe und laute Ton. Doch dann hörten wir ihn auch Monate später auf unserer Terrasse in Singapur und ahnten schon, dieser Ton muss einen anderen, natürlichen Ursprung haben. Das Geheimnis lüftete sich bei einer Wanderung durch den Dschungel Singapurs. Eine Hinweistafel klärte uns auf, es sind Zikaden, die weit oben in den Dschungelbäumen sitzen und die man eher hört als sieht. Nur die männlichen Tiere sind fähig, diesen Ton mit einem speziellen Organ zu erzeugen, ein Lockruf an die Weibchen. In den Wintermonaten waren sie fast verstummt, nun zirpen sie wieder lautstark von den hohen Bäumen, die unsere Terrasse umgeben und in denen übrigens auch Heerscharen von Mücken sitzen. So kann man es hier draussen nur mit dreifacher Mückenprävention aushalten: Diffuser mit Zitronengrasdampf, die gute alte Mückenräucherspirale und ein Stecker mit Flüssigkeit für die Steckdose. Alle drei sofort in Betrieb genommen, sobald man raus geht, lassen einen die Mücken tatsächlich in Ruhe. Nur nach dem wöchentlichen „fogging“ (fog = Nebel im Englischen) scheinen sie besonders aggressiv. Immer donnerstags kommen die vermummten Männer mit dem Kanister auf dem Rücken und der Pistole in der Hand, aus der ein weisser, beissender undurchsichtiger Dampf aufsteigt, dicht wie Nebel, daher auch der Name. Ein lautes, tief brummendes Geräusch kündigt sie an und dann heisst es in Windeseile Fenster und Türen schliessen, will man das Gift nicht in der Wohnung haben. Dieses fogging dient auch der Dengue Prävention. Gegen das durch diese Mücken übertragene Fieber gibt es keine Impfung, also heisst es Eindämmen. Dieses Motto kommt uns ja in Coronavirus Zeiten sehr bekannt vor. Es gibt Online-Karten, die über Dengue Gebiete in Singapur aufklären.

Überhaupt muss man so einiges tun, um diese Gegend am Äquator bewohnbar zu machen. Auch die hypermoderne Millionenstadt Singapur ist auf den trockengelegten Sümpfen des Dschungels erbaut worden oder auf dem Land, das man technisch ausgefeilt jahrzehntelang dem Meer abgetrotzt hat. Einfach so mal rausgehen geht gar nicht. Die sengende Äquatorsonne gewinnt nun im Frühjahr wieder an Kraft, sehr hoher Sonnenschutz ist obligatorisch. Bei Ausflügen ins Grüne (Singapur ist tatsächlich sehr grün für eine Millionenstadt) ist auch der Mückenschutz unabdingbar und ein Regencape nicht schlecht. Der Monsunregen kommt fast ohne Vorwarnung und mit einer Heftigkeit, die ich zuvor noch nie erlebt habe. Wenn es dann noch blitzt und donnert, so dass man sich die Ohren zuhalten muss, um keinen Hörschaden davonzutragen, kann es einem in freier Natur unter hohen Bäumen schon angst und bange werden. Zum Glück gibt es überall „shelter“, Unterstände, die vor Gewitter Schutz bieten und in die man sich tunlichst schnell flüchtet.

Wir leben also ein Stück weit in der Natur und mit der Natur. Unsere Wohnanlage, Condominium oder kurz Condo genannt, befindet sich in direkter Nachbarschaft des Botanischen Gartens, der zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Unser Condo ist selbst auch sehr grün, mit hohen Bäumen und Fussgängerwegen, die zum gemeinschaftlichen Pool führen (natürlich geschlossen während des Lockdowns). Vom Schlafzimmerfenster aus beobachten wir Eichhörnchen, die in den Bäumen klettern, manchmal sieht man ein paar Affen, die vom Botanischen Garten herübergekommen sind und ja, auf unserer Terrasse haben wir auch schon Schlangenhäute gefunden. Zum Glück haben unsere Vormieter eine Magnettafel am Kühlschrank hinterlassen, auf der nicht nur die Nummer der Dengue Hotline sondern auch die der zuständigen Organisation für „snake / wildlife removal“ vermerkt ist.

Über die fliegenden grossen Kakerlaken, die sich zuweilen von draussen in unsere Wohnung verirren, mag ich nicht gerne sprechen, die sind mir wirklich ein Graus. Als der Brecht vor dem Lockdown noch viel reisen musste und ich mit unseren Kindern Max und Moritz des öfteren ein paar Tage allein war, hatte ich zwei solche „Begegnungen“. Dies führte dazu, dass ich anderntags gleich einen Jahresvertrag mit einer „pest buster“ Firma abgeschlossen habe. Die kommen nun alle zwei Monate und spritzen irgendein, angeblich für Menschen nicht giftiges Zeug in die Ecken und an die Ränder aller Zimmer. Es funktioniert jedenfalls, die Viecher sind seither kaum noch anzutreffen und wenn dann schon halbtot auf dem Rücken liegend.

Mit den Geckos hingegen, die sich gerne ein Plätzchen in der Wohnung suchen und meist abends hervorkommen, leben wir einfach. Es ist fast unmöglich sie zu fangen und nach draussen zu befördern, sie sind sehr schnell in irgendeiner Ritze verschwunden. Leider findet man das eine oder andere Exemplar (niemand weiss, wieviele solche Mitbewohner er hat) vertrocknet und gummiartig geschrumpft; eines fischte ich zu Weihnachten aus unserem Adventskranz, mich wundernd, was für ein Schmuck das eigentlich war. Die Geckos geben meist am Abend und in der Nacht laut schnalzende Geräusche von sich, die ich inzwischen so gut nachmache, dass man fast schon von einer Unterhaltung sprechen kann (zumindest bilde ich mir das ein).

Dies also ist der Mikrokosmos, in dem wir nun seit fünf Wochen leben, denn wir befinden uns immer noch im Lockdown, im extended Lockdown sogar. Dieser geht nun noch weitere drei Wochen bis zum 1. Juni, ursprünglich wären wir schon ab dem 5. Mai wieder „frei“.

Es hilft jetzt nur noch Humor, bisweilen Galgenhumor. Deshalb feierten wir den Tag, an dem der ausgeweitete Lockdown bekannt gegeben wurde, asiatisch mit Sushi und zeitgemäss mit Corona Bier, das tatsächlich nicht schmeckt, wie eine Freundin uns vorgewarnt hat – Recht sollte sie behalten. Aber insofern passt es ja zur allgemeinen Situation.

Bleibt trotzdem mutig und optimistisch – es hilft ja nichts! Und mein nächster Blogeintrag folgt nun viel schneller, denn mir liegt da noch etwas auf dem Herzen zur Lage hier in Singapur während des Lockdown.

Bis bald also, Eure Nora

Diesen Gecko konnte ich fangen und ins Grüne bringen – in der Küche war er noch ganz weiss.
Schlangenhaut auf unserer Terrasse
Zur Feier des Tages

Stillstand

Stillstand – das ist das Erste was mir einfällt, wenn ich heute an Singapur denke. Ein Wort, mit dem man die glitzernde 5.6 Millionen Metropole sonst nicht beschreiben würde. Sonst, zu „normalen“ Zeiten. Jetzt leben wir in Zeiten von Corona. Das Virus, das die Welt still stehen lässt.

In diese Stille hinein beginne ich meinen Blog. Ein Blog, der als Erlebnis- und Reiseblog unserer Zeit in Asien geplant war. Diese Stille war vielleicht nötig, damit all die Erledigungen und Eindrücke des Alltags in einer Millionenstadt mit viel Bling Bling, denen man als Neuling mit Familienanhang ausgesetzt ist, einmal Ruhe geben und Zeit lassen. Obwohl mir Ersteres – ein Erlebnis- und Reiseblog aus einer quirligen, vorwärtsstrebenden Metropole – doch lieber wäre. Was nicht ist kann ja noch wiederkommen. Dies unsere Hoffnung, dies die Hoffnung von Millionen Menschen rund um den Globus.

Also beginne ich zu erzählen, wie wir hier den Alltag mit Corona erleben. Und wenn das erzählt ist, schreibe ich in Rückblenden über das, was wir schon erlebt haben, wie diese futuristische Riesenstadt uns empfangen hat. Darüber möge die Zeit vergehen und die Welt zumindest ein Stück weit zur Normalität zurückkehren. Sobald die Grenzen wieder offen sind, werden wir reisen und davon erzähle ich dann nur zu gerne.

Wir- wer ist das überhaupt? Wer sind die, die 4x Singapur nur Hinflug gebucht haben? Das sind – ganz einfach – mein Mann, der Brecht, und unsere beiden Söhne Max und Moritz. Ich heisse Nora und möchte euch ein wenig an unserem Leben in der Fremde teilhaben lassen. Schuld an unserem Abenteuer ist mein Mann, natürlich, wer sonst? Seine Firma liess uns vom Fusse der Alpen in die asiatische Grossstadt ziehen. Wir haben das Abenteuer angenommen, Teilzeitjob gekündigt, liebe Freunde und alles Gewohnte hinter uns gelassen, die Kinder in eine deutschsprachige Schule eingeschult hier in Singapur.

Und nun sitzen wir hier fest. Wie Millionen andere Menschen in aller Herren (und Damen) Länder auch. Mit etwas Trotz nagt da jedoch eine Stimme in mir: „Dafür sind wir nicht hierher gekommen“. Nein, dafür, Zuhause zu sitzen ist niemand irgendwo. Also bitte, nicht den Frühlingsferien auf Bali hinterher trauern. Nicht den Plänen für den Sommer, die sich wahrscheinlich nicht verwirklichen lassen. Im Hier und Jetzt sein. Wie sieht das aus?

Nachdem Singapur das Vorbild für die Welt war, hat sich die Lage schlagartig gedreht. Noch bis Mitte März war hier alles unter Kontrolle. Und Kontrolle, darin ist Singapur gut. Es gab nur um die 100 bis 130 Fälle von Coronavirus Erkrankten. Jeder einzelne Fall konnte durch tracing – das Verfolgen der Spur von Ansteckung und Verbreitung – genau nachvollzogen werden. Die beiden Staatszeitungen veröffentlichten täglich genaue Berichte mit Schaudiagrammen der neuen Fälle, mit Daten wo und bei wem sie sich angesteckt haben. Dies geschah in absoluter Transparenz und unter Wahrung der Anonymität. Es wurden immer nur Fallzahlen genannt. So hiess es z.B. Fall 96 sei der Ehemann von Fall 76 usw. Es wurden sogenannte Cluster definiert, von denen viele Ansteckungen ausgegangen waren. So wurden nach und nach die Gotteshäuser geschlossen, hatten sie sich doch als Cluster erwiesen.

Gotteshäuser, muss man wissen, gibt es hier viele. Alle Religionen leben in einer bewundernswerten Toleranz nebeneinander. Buddhistische Tempel neben Moscheen, Synagogen und christlichen Kirchen, Feste und Feiertage aus allen Religionen kann man hier sehen und erleben. Diese generöse Toleranz dem Anderen gegenüber ist einer der Schlüssel für den Erfolg Singapurs.

Trotzdem wurden die Gotteshäuser, der Kitt, der diese multinationale Gesellschaft zusammenhält, der jeden seine Verortung im multireligiösen Stadtstaat finden lässt, einfach geschlossen. Das Risiko war zu hoch. Singapur reagierte punktuell und besonnen. Notwendige Massnahmen wurden durchgeführt, um die Bewegungsfreiheit der Massen zu gewährleisten. So stellte Singapur schon während der Chinese New Year Ferien im Januar abertausende Quarantäneplätze in Studentenwohnheimen bereit. Die Studenten konnten nicht zurück in ihre Heime kehren, die nationale Sicherheit war wichtiger. Es wurden rechtzeitig und mit grossem Aufwand Vorkehrungen getroffen. Auch an die allerorten angewandten Fieberthermometer und digitalen Fragebogen nach Kontakt- und Reisehistorie gewöhnte man sich schnell. Konnte man doch so noch seinen Kaffee oder sein Lunch in einem der fancy Restaurants geniessen. Singapur hatte alles im Griff, Singapur war vorbereitet. Man hatte aus der SARS-Krise von 2002/2003 gelernt und die Pläne für eine erneute Pandemie lagen bereit.

Erstaunlich war für eine Europäerin wie mich, mit welch stoischer Gelassenheit die Singapurer all diese Massnahmen hinnahmen. Gab es lange Schlangen in den Eingangsbereichen der Arztpraxen und Krankenhäuser, musste man sich in einem grossen Gebäudekomplex (und Singapur besteht fast ausschliesslich aus grossen Gebäudekomplexen) immer wieder der gleichen Prozedur des kontaktlosen Fiebermessens und des QR-Code Einscannens zum Erfassen seiner Daten unterziehen, wartete man unter tropischer Sonne gefühlte halbe Stunden auf Einlass ins Restaurant, nirgends eine Beschwerde, ein Murren, ein Aufmucken. Die Solidarität dient dem Wohle aller. Wie mir eine ältere Singapurer Dame sagte, würde es als egoistisch gelten und wäre in der Gesellschaft nicht gut angesehen, wenn einer aus der Reihe tanzen würde. Wobei sie selbst einschränkend hinzufügen musste, dass dies für den Selbstdarstellungstrieb der Superneureichen in Singapur nicht gelten würde. Doch auch die Menschen dieser Gesellschaftsschicht unterwarfen sich klaglos dem neuen Regime. Auch sie hatten die gleiche Angst vor dem Virus wie alle anderen.

Betrachtet man das tracing, das Verfolgen der Ansteckungsketten, kommt ein wesentlicher Unterschied der asiatischen im Vergleich zur europäischen Gesellschaft zum Vorschein. Die Notwendigkeit des tracings wurde hier nie in Frage gestellt. Auch datenschutzrechtlich gab es keine Bedenken, die geäussert wurden. Trotzdem muss man sagen, dass eine App, die den staatlichen Behörden das tracing erleichtert, hier freiwillig ist. Allerdings wurden eine Vielzahl von Polizeibeamten mit der Aufgabe des tracing betraut. Dies ist möglich, weil in Fine City Singapur (wobei fine im Englischen durchaus zweideutig gemeint ist) die Kriminalitätsrate ausserordentlich tief ist. Aus den europäischen Staaten hingegen kennt man breit geführte Diskussionen über den Sinn oder Unsinn solcher tracing Apps, über den gläsernen Bürger und die Gefahr, die darin lauert, wenn der Staat auf unsere Smartphone Daten zugreifen kann. Ich als Europäerin empfinde diese Bedenken auch. Anders scheint es hier in Singapur zu sein. Wie es ein Kollege meines Mannes treffend auf den Punkt brachte: in Europe they think they’re being watched, while in Singapore we feel that we’re being looked after. Frei übersetzt: In Europa denken sie, dass sie beobachtet werden, während wir in Singapur das Gefühl haben, dass man sich um uns sorgt. So unterschiedlich die Wahrnehmung ein und derselben Sache, so unterschiedlich die Kultur.

Dieses eine habe ich mir vorgenommen, als ich hierher kam: einen vorurteilsfreien Blick zu pflegen. Nicht gleich zu sagen, ja, das ist typisch für die Asiaten, diese Hörigkeit der Gemeinschaft gegenüber. Sondern zu beobachten, zu versuchen zu verstehen, woher kommt das eigentlich? Eine andere Kultur zu tolerieren, ohne dabei den kritischen Blick zu verlieren. Und ohne sich selbst und seine Prägung zu verleugnen. Natürlich kommt mir hier vieles fremd vor. Doch ich bin hier um zu lernen, nicht um zu urteilen. Dabei will ich mein Hirn jedoch nicht ausschalten und nicht alles als richtig hinnehmen, wenn es mir und meiner europäisch geprägten Anschauung widerspricht. Das ist die spannende Reise, auf die ich mich begeben habe und an der ich euch in diesem Blog teilhaben lassen möchte. Einblicke in eine fremde Kultur. Auch wenn man nicht physisch reisen kann im Moment. Wir sind schon hier, in Asien, in der Fremde, wenn auch im Lockdown. Die Reise beginnt im Kopf. Zulassen, was neu und anders ist. Beobachten und beschreiben, ja auch einordnen nach meinem europäischen Blick. Vergleichen. An Eindrücken und Erfahrungen reicher werden. Ich nehme euch gerne mit, wenn ihr Lust darauf habt.

Wie die Lage sich hier weiterentwickelt hat, erzähle ich euch das nächste Mal, oder vielmehr, wie wir es empfunden haben. Denn die reinen Fakten, nämlich dass Singapur mittlerweile vom Musterschüler zum Lockdown gewechselt hat, kann man auch sonstwo nachlesen. Wenn es mir meine verschiedenen Aufgaben als Mutter, Partnerin, Organisatorin für alle möglichen und unmöglichen Alltagsbelange und inzwischen homeschooling Akteurin erlauben, stelle ich mir vor, jede Woche einen neuen Blogeintrag zu schreiben.

Bis dahin bleibt mutig und optimistisch – alles andere hilft jetzt auch nicht mehr!

Eure Nora

Dieses Foto habe ich am 20. März 2020 Nähe der Haupteinkaufsstrasse Orchard Road aufgenommen. 74 Diebe – seit Januar 2019! In mehr als einem Jahr, in einer 5,6 Millionen Stadt! Jetzt ist klar, warum die Polizei genügend Kapazitäten für contact tracing während des Corona Ausbruchs hat. Und was die Doppeldeutigkeit von Fine City Singapore bewirkt (fine = fein, fines = Geldbussen im Englischen)


Und noch etwas zur erwähnten Toleranz in Singapur. Ein Zitat Barack Obamas anlässlich einer Townhall mit jungen Vertretern der ASEAN Staaten, die für Pressefreiheit und Demokratie eintreten, am 1. Juni 2015:

Abdruck der ganzen Rede hier, auch auf YouTube: https://obamawhitehouse.archives.gov/the-press-office/2015/06/02/remarks-president-town-hall-yseali-initiative-fellows

„And the truth of the matter is, one of the reasons that Singapore, I mentioned earlier, has been successful, is that it has been able to bring together people who may look different but they all think of themselves as part of Singapore.  And that has to be a strength, not a weakness.  But that requires leadership and government being true to those principles. 
 
To their credit, the Indonesian government when I was growing up was very good about not discriminating on the base of religion despite the fact that it was 98 percent Muslim.  And I think that the tolerance towards other faiths historically in Indonesia has been part of what’s contributed to progress there.  You haven’t seen the same kind of sectarian animosity that you’ve seen in parts of the Middle East.
 
But the one thing I know is countries that divide themselves on racial or religious lines, they do not succeed.  They do not succeed.  That’s rule number one.  Rule number two is nations that suppress their women do not succeed.  They don’t succeed.  Not only is it bad because half of the country is not successful — because they’re not getting education and opportunity — but it’s women who teach children, which means the children are less educated, if you’re not teaching the moms.  So there are some — each country is different, but there are some rules if you look at development patterns around the world that are pretty consistent.  And those are two pretty good rules.“